documenta11
8. Juni bis 15. September 2002
Plattform 5: Ausstellung

Künstlerische Leitung

Okwui Enwezor

Orte

Museum Fridericianum, documenta-Halle, Kulturbahnhof / Balikino, Binding-Brauerei, Orangerie, Karlsaue, Kasseler Innenstadt / Nordstadt

Künstler

117

Besucher

650.924

Budget

18.075.420 Euro

Website

documenta11.de

Okwui Enwezor (2002)

Mit dem in Nigeria geborenem Okwui Enwezor wurde erstmals ein Nicht-Europäer documenta-Leiter – die erste documenta im neuen Millennium gilt als die erste wirklich globale, post-koloniale documenta. „Die documenta 11 beruht auf fünf Mit dem in Nigeria geborenen Okwui Enwezor wurde erstmals ein Nicht-Europäer documenta-Leiter – die erste documenta im neuen Millennium gilt als die erste wirklich globale, post-koloniale documenta. „Die documenta 11 beruht auf fünf Plattformen, die versuchen, den gegenwärtigen Ort der Kultur und ihre Schnittstellen mit anderen komplexen globalen Wissenssystemen zu beschreiben.“ Die Ausstellung in Kassel war somit lediglich die fünfte und letzte Plattform in dem Konzept von Okwui Enwezor und seinem Kuratorenteam – bestehend aus Carlos Basualdo, Ute Meta Bauer, Susanne Ghez, Sarat Maharaj, Mark Nash und Octavio Zaya. Ein Jahr vor der offiziellen Eröffnung fanden transdisziplinäre „Plattformen“ zu verschiedenen Themen auf vier Kontinenten statt: „Demokratie als unvollendeter Prozess (Wien, 15. 3.–20. 4. 2001; Berlin, 9.–30. 10. 2001), „Experiment mit der Wahrheit: Rechtssysteme im Wandel und die Prozesse der Wahrheitsfindung und Versöhnung“ (Neu Delhi, 7.–21. 5. 2001), „Créolité und Kreolisierung“ (St. Lucia, 13.–15. 1. 2002)und „Unter Belagerung: Vier afrikanische Städte. Freetown, Johannesburg, Kinshasa, Lagos“ (Lagos, 16.–20. 3. 2002). Viele der dann in der Ausstellung gezeigten künstlerischen Arbeiten griffen diese Themen und andere globale Problematiken in verschiedenster Weise wieder auf. Gemäß der Prämisse „Kunst ist Wissensproduktion“ hatten viele Projekte dokumentarischen Charakter – die Befürchtung einer allzu „theorielastigen“ Schau (eine voreingenommene Einschätzung, die sich schon bei der documenta 10 als nicht zutreffend erwiesen hatte) bewahrheitete sich jedoch nicht. Die Leistung der documenta 11 bestand, wie Wolfgang Lenk in seinem Katalogessay schreibt, vor allem darin, „die unausgesprochenen Aufmerksamkeitshierarchien des westlichen Ausstellungswesens“ in Frage zu stellen, dem „exotisierenden Blick des Westens auf ‚das Fremde‘ seine Legitimität abzusprechen und die Wahrnehmung mit jenen künstlerischen Aktivitäten zu konfrontieren, die unsere Projektion durchkreuzen. […] Die ‚Fremden‘ waren die Objekte unseres Blicks – nun schauen sie zurück“. Die Blickänderung, die Catherine David 1997 vorbereitet hatte, wurde nun endgültig vollzogen.

Craigie Horsfield, El Hierro Conversation (2002)
Foto: Ryszard Kasiewicz © documenta Archiv

Während in der documenta-Halle vor allem Künstlerkollektive und Archiv-basierte Projekte Raum fanden (Fareed Armalys und Rashid Masharawis Visualisierung der palästinensischen Geschichte From/To, 1999, die Gruppe Huit Facettes aus dem
Senegal, Le Groupe Amos aus der Demokratischen Republik Kongo, das Raqs Media Collective aus Delhi und Meschac Gaba mit der Library seines Museum of Contemporary African Art (2002)), waren die Kunstwerke im Fridericianum und in der als Ausstellungsort neu hinzugekommenen Binding-Brauerei großzügig inszeniert – fast jedes Kunstwerk hatte seinen eigenen Raum. Vorherrschend waren Videoprojektionen (Steve McQueen, Yang Fudong) und raumgreifende Installationen, etwa Georges Adéagbos vor Ort entstandene Objektassemblage L’explorateur et les explorateurs devant l’histoire d’exploration ...! Le théatre du monde (2002), Chohreh Feyzdjous Boutique Product of Chohreh Feyzdjou (1973–93) oder die Räume von Mona Hatoum, Alfredo Jaar und Dieter Roth. Besonders beklemmend wirkte die Gegenüberstellung der von schwerem Blei überzogenen zerstörten Stühle von Doris Salcedo mit den auf Leinwandfetzen gemalten Folterszenen von Leon Golub. Im Raum daneben war Zarina Bhimjis bildgewaltiges Video Out of the Blue (2002) zu sehen, das in langsamen Kamerafahrten verlassene Militärbaracken, Arrestzellen und Gefängnisräume in einer tropischen Landschaft zeigte und dazu, im Gegensatz zu den Bildern der Verlassenheit, eine anschwellende Geräuschkulisse aus erregten Stimmen und Schüssen erklingen ließ – eine audiovisuelle Verarbeitung der eigenen Erinnerung. Als Neunjährige war Bhimji mit ihrer Familie und tausenden anderen asiatischen Einwanderern gewaltsam aus Uganda vertrieben worden. Diese drei im Erdgeschoss des Fridericianums prominent gezeigten Arbeiten riefen eindrücklich Erfahrungen von staatlicher Gewalt in Erinnerung, was sich mit Tania Brugueras Performance-Installation Untitled (2002) in der Binding-Brauerei fortsetzen sollte. Hier waren Besucher abwechselnd totaler Dunkelheit oder gleißendem Licht ausgesetzt und vernahmen so, ihrer Fähigkeit zu sehen beraubt, lediglich Geräusche wie das militärische Stampfen von Stiefeln oder das Zusammensetzen eines Gewehrs. Vor dem Fridericianum ließ Cildo Meireles mobile Eisverkäufer Wassereisstangen verteilen, die jedoch keinen Geschmack hatten – sie bestanden schlicht aus gefrorenem Wasser. Der Titel der Arbeit, Disappearing Element / Disappeared Element (Imminent Past) (2002) gemahnte an die zunehmende Realität der Wasserknappheit in vielen Teilen der Welt.

Binding Brauerei (2002)
Foto: Werner Maschmann

Jeff Wall, After Ralph Ellison, Invisible Man, the Preface (2002)
Foto: Ryszard Kasiewicz © documenta Archiv

On Kawara, One Million Years (2001)
Foto: Ryszard Kasiewicz © documenta Archiv

Park Fiction, Park Fiction Archive (2002)
Foto: Ryszard Kasiewicz

Shirin Neshat, Tooba (2002)
Foto: Ryszard Kasiewicz

Yinka Shonibare, Gallantery and Criminal Conversation (2002)

Andreas Siekmann, Aus: Gesellschaft mit beschränkter Haftung (1996-2001)
Foto: Ryszard Kasiewicz © documenta Archiv

Auch die im Auepark installierten Arbeiten verwiesen weit über ihre skulpturale Anmutung hinaus auf komplexe Zusammenhänge – etwa Dominique Gonzalez-Foersters „Skulpturenpark“ aus Elementen wie einer Telefonzelle aus Brasilien, einem Rosenbusch aus Le Corbusiers Rosengarten im indischen Chandigarh und einem Lava-Stein aus Mexiko, die ein assoziatives Referenzsystem kultureller Symbole bildeten, oder Renée Greens Freiluftpavillon Standardized Octogonal Units for Imagined and Existing Systems (2002) aus acht Einheiten mit audiovisuellem Material zu scheinbar disparaten Themen wie Alphabet, Afrika, Farbe, Insel, Lebensmittel, Arbeit, Frau, Mann, Geschlecht und anderen.

Und tief in Kassels als sozialer Brennpunkt geltender Nordstadt hatte inmitten einer Sozialbausiedlung Thomas Hirschhorn sein Bataille Monument (2002) errichtet. Das in Zusammenarbeit mit lokal ansässigen Jugendlichen aus billigem Baumaterial errichtete Archiv über den Denker der freien Verausgabung und Kritiker der Nützlichkeit stand den Anwohnern zur Nutzung offen – ein Experiment zwischen Erfolg und Scheitern, das mit seinen verschiedenen Problematiken den noch immer schwierigen Dialog zwischen zeitgenössischer Kunst und der sogenannten „sozialen Unterschicht“ offenlegte.

Thomas Hirschhorn, Bataille Monument (2002) © Thomas Hirschhorn/VG Bild-Kunst
Foto: Ryszard Kasiewicz

Teilnehmende Künstler

A

  • Adéagbo, Georges
  • Agarwal, Ravi
  • Ahtila, Eija-Liisa (Athila, Eija-Liisa)
  • Akerman, Chantal
  • Ancelovici, Gaston A.
  • Armaly, Fareed
  • Ashkin, Michael
  • Asymptote (Asymptote Architecture)
  • Ataman, Kutlug
  • Atlas Group (The Atlas Group)

B

  • Bargmann, Julie & Stacy Levy
  • Barrio, Artur (Barrio, Arthur)
  • Becher, Bernd & Hilla (Becher, Bernhard und Hilla)
  • Bhimji, Zarina
  • Black Audio Film Collective
  • Bock, John
  • Bonk, Ecke
  • Bouabré, Frédéric Bruly (Bruly Bouabré, Frédéric)
  • Bourgeois, Louise
  • Braila, Pavel
  • Brouwn, Stanley
  • Bruguera, Tania (Bruguera Fernandez, Tania)

C

  • Camnitzer, Luis
  • Coleman, James
  • Constant (Nieuwenhuys, Constant A.)

D

  • Darboven, Hanne
  • Deacon, Destiny
  • Douglas, Stan

E

  • Edefalk, Cecilia
  • Eggleston, William
  • Eichhorn, Maria
  • Ennadre, Touhami
  • Evans, Cerith Wyn (Wyn Evans, Cerith)

F

  • Feng Mengbo (Feng, Mengbo & Mengbo, Feng)
  • Feyzdjou, Chohreh
  • Friedman, Yona (Friedmann, Yona)

G

  • Gaba, Meschac
  • Gabellone, Giuseppe
  • Garaicoa, Carlos (Garaicoa Manso, Carlos)
  • Geers, Kendell
  • Genzken, Isa
  • Geys, Jef
  • Goldblatt, David
  • Golub, Leon
  • Gonzalez-Foerster, Dominique (Foerster, Dominique Gonzalez-)
  • Green, Renée
  • Grippo, Victor

H

  • Haaning, Jens
  • Hatoum, Mona
  • Höfer, Candida
  • Hirschhorn, Thomas
  • Horsfield, Craigie
  • Huit Facettes
  • Huyghe, Pierre

I

  • Igloolik Isuma Productions
  • Ivekovic, Sanja

J

  • Jaar, Alfredo
  • Jonas, Joan
  • Julien, Isaac

K

  • Kanwar, Amar
  • Kawara, On (On Kawara)
  • Kentridge, William
  • Keuken, Johan van der (Van der Keuken, Johan)
  • Kingelez, Bodys Isek (Isek Kingelez, Bodys)
  • Kinmont, Ben
  • Kožarić, Ivan
  • Kopystiansky, Igor & Svetlana
  • Kulunčić, Andreja

L

  • Le Groupe Amos (Groupe Amos & Amos, Le Group)
  • Ligon, Glenn
  • Lum, Ken

M

  • Manders, Mark
  • Marcaccio, Fabian
  • McQueen, Steve
  • Meireles, Cildo
  • Mekas, Jonas
  • Messager, Annette
  • Miyamoto, Ryuji
  • Mofokeng, Santu
  • Multiplicity
  • Muñoz, Juan

N

  • Neshat, Shirin

O

  • Orozco, Gabriel
  • Osifuye, Olumuyiwa Olamide (Olamide Osifuye, Olumuyiwa)
  • Ottinger, Ulrike
  • Ouattara Watts (Watts, Ouattara)

P

  • Park Fiction
  • Pernice, Manfred
  • Pettibon, Raymond
  • Piper, Adrian
  • Ponger, Lisl
  • Portabella, Pere

R

  • Raqs Media Collective
  • Riera, Alejandra with Doina Petrescu
  • Roth, Dieter (Rot, Diter)

S

  • Salcedo, Doris
  • Samadian, Seifollah
  • Saussier, Gilles
  • Sekula, Allan
  • Shonibare, Yinka
  • Siekmann, Andreas
  • Simparch
  • Simpson, Lorna
  • Sivan, Eyal
  • Small, David (Small, David L.)

T

  • Tan, Fiona
  • Tayou, Pascale Marthine
  • Teno, Jean-Marie
  • Trinh T. Minh-ha (Minh-ha, Trinh T.)
  • Tsunamii.net
  • Tuerlinckx, Joëlle
  • Tuymans, Luc

U

  • Urbonas, Nomeda & Gediminas

W

  • Wall, Jeff
  • Ward, Nari
  • Watts, George Frederick (Watts, George Frederic & Watts, G. F. & Watts, George F.)

Y

  • Yang, Fudong (Yang Fudong & Fudong, Yang)

Künstlerischer Leiter
Okwui Enwezor

geboren 1963 in Calabar, Nigeria

1982–1987

Studium der Politologie, New Jersey City State College, New Jersey, USA

1987–1993

Veröffentlichung als Lyrik-Autor

1993

Gründung des Magazins NKA: Journal of Contemporary African Art zusammen mit Chika Okeke-Agulu und Salah Hassan

1996-1997

Künstlerischer Leiter der Johannesburg Biennale, Johannesburg

1998-2002

Künstlerischer Leiter der documenta 11, Kassel

2006

Künstlerischer Leiter der Biennale in Sevilla, Sevilla

2007-2008

Künstlerischer Leiter der Gwangju Biennale, Gwangju, Südkorea

seit 2011

Leiter des Haus der Kunst, München

2012

Kurator der La Triennale, Paris

2014-2015

Künstlerischer Leiter der 56. Biennale von Venedig, Venedig

Ausstellungen (Auswahl):

1996

In/Sight: African Photographers, 1940 to the present, Guggenheim Museum, New York

1999

Global Conceptualism, Queens Museum, New York; Walker Art Center, Minneapolis

2000

Mirror’s Edge, Bildmuseet Umeå, Umeå, Schweden

2001

Century City, Tate Modern, London

2002

documenta 11, Kassel

2008

Archive Fever: Uses of the Document in Contemporary Art, International Center of Photography, New York

2009

Snap Judgments: New Positions in African Photography, International Center fo Photography, New York

2013

Aufstieg und Fall der Apartheid: Fotografie und Bürokratie des täglichen Lebens, Haus der Kunst, München

2013

Ai Weiwei: So Sorry, Haus der Kunst, München

Auszeichnungen (Auswahl):

2014

Timerhi Award for Leadership in the Arts

2014

Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland

2015

Hessischer Kulturpreis für die Tätigkeit als Künstlerischer Leiter der documenta 11