documenta

Ein Plakat für die "documenta" Kunstausstellung in Kassel aus dem Jahr 1955. Das Design ist minimalistisch mit einer dominanten blauen, stilisierten "d" Form auf weißem Hintergrund. Der Text informiert über die Ausstellung für moderne Kunst des 20. Jahrhunderts im Museum Fridericianum, mit den Veranstaltungsdaten vom 16. Juli bis 18. September 1955.
Ausstellungsplakat documenta (1955)

Kunst des XX. Jahrhunderts. Internationale Ausstellung

Künstlerische Leitung

Arnold Bode

Orte

Museum Fridericianum

Künstler*innen

148

Besuchende

130.000

Budget

379,000 DM

Die 1955 in Kassel stattfindende Bundesgartenschau, in der die Trümmerhalden des Zweiten Weltkriegs mit Rosenbeeten bepflanzt wurden, diente Arnold Bode – Maler, Zeichner, Gestalter und Lehrer (1933 Berufsverbot), 1948 Mitbegründer der Kasseler Kunstakademie – als Anlass zur Realisierung der lang gehegten Vision einer internationalen Großausstellung moderner Kunst in Deutschland. Ziel war es, die durch die Nationalsozialisten verfolgte Avantgarde nach Deutschland zurückzuholen und ein breites Publikum mit kulturellem „Nachholbedarf“ an sie heranzuführen – es sollte die erste Ausstellung der Moderne nach der Entartete Kunst-Ausstellung 1937 in München sein.
Bodes Vorbild waren Weltkunstschauen wie die Armory Show in New York. Doch ging es bei der Kasseler Veranstaltung nicht darum, einen Überblick über das Kunstschaffen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu geben, sondern vielmehr darum, „die Wurzeln des gegenwärtigen Kunstschaffens auf allen Gebieten sichtbar zu machen“, so Arnold Bode im Exposé. Um eine Genealogie des Gegenwärtigen also, generiert aus einer Stimmung zwischen Nachkriegstrauma und Modernisierungswillen. Dazu gehörten im Eingangsbereich zur Ausstellung eine Fotoserie mit Beispielen antiker, frühchristlicher und außereuropäischer Kunst als Fundament der europäischen Moderne, ergänzt durch Fotoportraits von den „Meistern“ der Avantgarde, sowie eine Ausstellung von Architekturfotografie von 1905 bis 1955 im zweiten Geschoss der Rotunde des Fridericianums.

Ein farbenfrohes Plakat mit der Aufschrift "Bundesgartenschau Kassel Mai-Okt. 1955". Im Zentrum befinden sich fünf grüne Blätter, die auf einem bunten, mosaikartigen Hintergrund angeordnet sind. Die Schrift ist in Weiß und hebt sich deutlich vom Hintergrund ab.
Plakat der Bundesgartenschau (1955)

Zehn Jahre nach Kriegsende herrschte in dem durch alliierte Bomben nahezu völlig zerstörten Kassel wieder Aufbruchsstimmung. Das 1943/44 komplett ausgebrannte Museum Fridericianum – das älteste Museum auf europäischem Festland, entstanden im Geist der Aufklärung – war gerade wieder notdürftig instand gesetzt. Ein passenderes Sinnbild für die deutsche Bildungskatastrophe, die Bode mit der documenta reparieren wollte, hätte sich kaum finden lassen können. Für den Gestalter Bode boten die unverputzten, weiß gekalkten Wände eine spektakuläre Kulisse für seine Inszenierung. Er arbeitete unter anderem mit Heraklith-Platten als strukturgebenden Verkleidungen sowie mit Wanddrapierungen aus opak schwarzem und weißem semi-transparentem Plastik, die dazu dienten, das einfallende Tageslicht zu regulieren. Zum Teil wurden Gemälde auch direkt darauf gehängt. Eine weitere Besonderheit waren die Metallstelen, auf denen Bilder wie vor der Wand schwebend angebracht waren oder gar frei im Raum standen (etwa die Gemälde des Futuristen Carlo Carrà), was ihnen etwas Objekt-, ja Wesenhaftes verlieh. In Bodes Ausstellungsdesign sollten nicht nur Werke zueinander in Beziehung gesetzt werden, sondern vor allem auch Betrachter und Kunstwerk. Symbolträchtig Wilhelm Lehmbrucks Kniende (1911) im Herzen der Rotunde – sie war schon 1913 auf der Armory Show und 1937 auf der Entartete Kunst-Ausstellung gezeigt worden. Über ihr, im Treppenhaus der Rotunde, hingen Gemälde Oskar Schlemmers aus den 1920er Jahren.

Am Ende der Skulpturenhalle in Erdgeschoss thronten Henry Moores König und Königin (1952/53), davor in lockerer Anordnung abstrakte Skulpturen von unter anderem Hans Arp, Raymond Duchamp-Villon und Barbara Hepworth und Mobiles von Alexander Calder. Im großen Malereisaal im Obergeschoss hing Picassos Mädchen vor einem Spiegel von 1932 vis-à-vis dem 1955 eigens für die documenta produzierten Gemälde Komposition vor Blau und Gelb von Fritz Winter, der als Vater der abstrakten Malerei in Deutschland gilt – eine kühne Gegenüberstellung, die den Anschluss Deutschlands an das internationale Kunstgeschehen symbolisieren sollte. Als Sitzmöglichkeiten dienten kleine Hocker, die – ebenso wie das Mobiliar des „Café Picasso“ im zweiten Geschoss der Rotunde – von Arnold Bode entworfen waren.

Weitere wichtige Malerei-Positionen waren unter anderem Max Beckmann (vertreten etwa mit dem Perseus-Triptychon, 1941), Giorgio de Chirico, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Henri Matisse und Piet Mondrian. Künstlerinnen wie Paula Modersohn-Becker, Maria Helena Vieira da Silva oder Sophie Taeuber-Arp bildeten die Ausnahme. Waren die klassischen Hauptströmungen der Avantgarde mit Expressionismus, Futurismus, Konstruktivismus und Kubismus auch vertreten, so fällt es doch auf, dass explizit politische, subversive Positionen wie Dada, namentlich John Heartfield oder George Grosz, fehlten. Insgesamt wurden 670 Werke von 148 Künstlern aus sechs Nationen gezeigt, vornehmlich aus Deutschland, Frankreich und Italien. Bei der inhaltlichen Konzeption stand Bode ein Arbeitsausschuss zur Seite, allen voran als konzeptioneller Vordenker der renommierte Kunsthistoriker Werner Haftmann, der die These von der Kontinuität der Entwicklung einer zum Abstrakten hin orientierten Kunst vertrat. Diese Tendenz sollte sich vier Jahre später auf der documenta 2 – von der 1955 jedoch noch nicht die Rede war – fortsetzen und zuspitzen.

Dass Bode eine zyklische Weiterführung seiner Internationalen Ausstellung bereits mitdachte, ist zumindest anzunehmen. Der überwältigende öffentliche Erfolg der documenta mit 130.000 Besuchern in 100 Tagen ebnete jedenfalls den Weg dafür.

Eine Schwarz-Weiß-Fotografie einer Kunstausstellung mit modernen architektonischen Elementen. Die Ausstellung zeigt eine Wandinstallation mit einer Collage aus Bildern und Kunstwerken, die von schwarzen und weißen Paneelen umrahmt sind. Massive Holzsäulen und eine rohe Betondecke verleihen dem Raum eine industrielle Atmosphäre.
Museum Fridericianum, Foto: Günther Becker

Künstler*innen

a

  • Albers, Josef
  • Armitage, Kenneth
  • Arp, Hans
  • Auberjonois, René Victor

b

  • Balla, Giacomo
  • Bargheer, Eduard
  • Barlach, Ernst
  • Basaldella, Afro
  • Basaldella, Mirko
  • Baumeister, Willi
  • Bazaine, Jean René
  • Beaudin, André
  • Beckmann, Max
  • Bill, Max
  • Birolli, Renato
  • Bissière, Roger
  • Blumenthal, Hermann
  • Boccioni, Umberto
  • Bombois, Camille
  • Braque, Georges
  • Butler, Reg

c

  • Calder, Alexander
  • Camaro, Alexander
  • Campendonck, Heinrich
  • Campigli, Massimo
  • Capogrossi, Giuseppe
  • Carrà, Carlo
  • Casorati, Felice
  • Cassinari, Bruno
  • Chadwick, Lynn
  • Chagall, Marc
  • Corpora, Antonio
  • Crippa, Roberto

d

  • De Chirico, Giorgio
  • De Fiori, Ernesto
  • Delaunay, Robert
  • De Pisis, Filippo
  • Derain, André
  • Despiau, Charles
  • Dix, Otto
  • Doesburg, Theo van
  • Duchamp-Villon, Raymond
  • Dufy, Raoul

e

  • Ernst, Max

f

  • Faßbender, Joseph
  • Feininger, Lyonel
  • Fuhr, Xaver

g

  • Gabo, Naum
  • Gilles, Werner
  • Glarner, Fritz
  • Gonzalez, Julio
  • Grieshaber, HAP
  • Gris, Juan

h

  • Hartung, Hans
  • Hartung, Karl
  • Heckel, Erich
  • Heiliger, Bernhard
  • Heldt, Werner
  • Hepworth, Barbara
  • Herbin, Auguste
  • Hofer, Karl

j

  • Jawlensky, Alexej

k

  • Kandinsky, Wassily
  • Kasper, Ludwig
  • Kirchner, Ernst-Ludwig
  • Klee, Paul
  • Kokoschka, Oskar
  • Kupka, Frantisek

l

  • Lardera, Berto
  • Laurens, Henri
  • Lehmann, Kurt
  • Lehmbruck, Wilhelm
  • Léger, Fernand

m

  • Macke, August
  • Magnelli, Alberto
  • Maillol, Aristide
  • Manessier, Alfred
  • Marc, Franz
  • Marcks, Gerhard
  • Marini, Marino
  • Masson, André
  • Mataré, Ewald
  • Matisse, Henri
  • Meistermann, Georg
  • Mettel, Hans
  • Meyer-Amden, Otto
  • Miró, Joan
  • Modersohn-Becker, Paula
  • Modigliani, Amedeo
  • Mondrian, Piet
  • Moore, Henry
  • Morandi, Giorgio
  • Moreni, Mattia
  • Morlotti, Ennio
  • Mortensen, Richard
  • Muche, Georg
  • Music, Zoran
  • Müller, Otto
  • Münter, Gabriele

n

  • Nay, Ernst Wilhelm
  • Nesch, Rolf
  • Nicholson, Ben
  • Nolde, Emil

p

  • Pechstein, Max
  • Pevsner, Antoine
  • Picasso, Pablo
  • Pignon, Edouard
  • Purrmann, Hans

r

  • Ritschl, Otto
  • Roeder, Emy
  • Roesch, Kurt
  • Rohlfs, Christian
  • Rouault, Georges
  • Rousseau, Henri

s

  • Santomaso, Giuseppe
  • Scharff, Edwin
  • Schlemmer, Oskar
  • Schmidt-Rottluff, Karl
  • Schneider, Gérard
  • Schwitters, Kurt
  • Scipione, Gino Bonichi
  • Scott, William
  • Seraphine, Louis de Senlis
  • Severini, Gino
  • Singier, Gustave
  • Sironi, Mario
  • Soulages, Pierre
  • Stadler, Toni
  • Sutherland, Graham

t

  • Taeuber-Arp, Sophie
  • Tal-Coat, Pierre
  • Trier, Hann
  • Trökes, Heinz

u

  • Uhlmann, Hans

v

  • Vasarely, Victor
  • Vedova, Emilio
  • Viani, Alberto
  • Vieira da Silva, Marie Hélène
  • Villon, Jacques
  • Vivin, Louis
  • Vlaminck, Maurice de
  • Vordemberge-Gildewart, Friedrich

w

  • Werner, Theodor
  • Wiemken, Walter Kurt
  • Wimmer, Hans
  • Winter, Fritz
  • Wolff, Gustav H.
  • Wols (Schulze, Wolfgang)

Künstlerischer Leiter

Arnold Bode
geboren 1900 in Kassel, gestorben 1977 in Kassel

  • 1919 – 1924
    Studium Malerei und Grafik, Kunstakademie Kassel
    Studienabschluss mit Zeichenlehrerprüfung; Meisterschüler für freie Wandmalerei und Raumgestaltung  

  • 1922 – 1929
    Kunstausstellungen moderner Kunst in der Orangerie in Kassel
    1922 als Künstler mit einem Gemälde vertreten, 1927 organisatorisch beteiligt, 1929 verantwortlich für die Abteilung „Neue Kunst“ der Vierten großen Kunstausstellung Kassel 

  •  1923 
    Gründung der Künstlergruppe Die Fünf  

  • ab 1926
    Freier Maler und Zeichner

  • 1929
    Eintritt in die SPD

  • 1930
    Dozent am Städtischen Werklehrer-Seminar, Berlin
    ab 1931 stellvertretender Direktor

  • Mai 1933
    Entfernung aus dem Amt durch die Nationalsozialisten

  • ab 1934 
    Mitarbeit im Architekturbüro seines Bruders Paul Bode in Kassel  

  • 1945
    Amerikanische Kriegsgefangenschaft. Nach Entlassung Rückkehr nach Kassel

  • 1946 
    Gründung der Hessischen Sezession in Kassel 

  • 1948
    Neugründung Kasseler Kunstakademie

  • ab 1950
    Tätigkeit als Möbeldesigner, Raumgestalter, Messe- und Ausstellungsarchitekt  

  • 1955
    Künstlerischer Leiter der ersten documenta in Kassel

  • 1959
    Künstlerischer Leiter der documenta 2, Kassel

  • 1964
    Künstlerischer Leiter der documenta 3, Kassel

  • 1967 
    Fachgutachter der 9. Biennale von São Paulo, Brasilien 

  • 1968
    Künstlerischer Leiter der documenta 4, Kassel

Ausstellungen (Auswahl): 

  • 1956: Ausstellung Gemälde der Kasseler Galerie kehren zurück, Landesmuseum Kassel  

  • 1956–1964: Konzeption und Gestaltung von insgesamt 28 Ausstellungen in der göppinger galerie, Frankfurt am Main 

  • 1957: Ausstellungsarchitektur für den Deutschen Pavillon der Triennale Mailand 

  • 1967: Doppelausstellung Rubens und Francis Bacon, anlässlich der Verleihung des Rubenspreises, Siegen 

  • 1967: Mitglied im Gestalter-Team des Deutschen Pavillons, Weltausstellung Montreal, Kanada 

Auszeichnungen (Auswahl):

  • 1957 
    Triennale Mailand, Goldmedaille für die Gestaltung des Deutschen Pavillons 

  • 1974
    Verleihung des Großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland

  • 2015
    Hessischer Kulturpreis für die Tätigkeit als Künstlerischer Leiter der documenta 1-4 (posthum)

Schwarzweiß-Porträt von Arnold Bode. Die inszenierte Aufnahme zeigt ihn vor unbestimmtem, dunklem Hintergrund
Arnold Bode, © documenta archiv / Foto: Floris M. Neusüss; Renate Heyne; Wolfgang Pfaffe; © VG Bild-Kunst, Bonn