
Lunch Lecture Review - You can't teach a new dog old tricks, or can you?
Preisfrage: Was haben Argentinien, Belgien, Brasilien, China, Deutschland, Griechenland, Italien, Iran, Japan, Kuba, Spanien, Portugal, Polen, Schweiz, Taiwan und die USA gemeinsam? Keine Ahnung? Es sind die Herkunftsländer der TänzerInnen der Trisha Brown Performances Accumulation und Floor of the Forest.
Dies und anderes konnten die interessierten BesucherInnen lernen, als sich gut ein Drittel der 40 Trisha-Brown-TänzerInnen im Rahmen der Lunch Lecture „You can't teach a new dog old tricks, or can you?“ den Fragen des Publikums stellten.
Alles begann am 1. April, als 112 TänzerInnen aus aller Welt zum Vortanzen nach Kassel kamen. Interessanterweise wusste keine der TänzerInnen, wessen Stücke sie auf der documenta 12 tanzen sollten, denn die Ausschreibung hatte auschließlich von einer international bekannten amerikanischen Choreografin gesprochen. Dies trug denn auch zum eher heterogenen Charakter des Ensembles bei, da sich einige der TänzerInnen ganz pragmatisch um einen Job bewarben, während andere teilnahmen, weil sich Gerüchten zufolge hinter der bekannten amerikanischen Choreografin Trisha Brown, die Pionierin des postmodernen Tanzes, verbarg.
Wie Moderatorin Eleanor Bauer immer wieder betont, sind die TänzerInnen bei der Interpretation und Ausführung der Performances vor allem auf sich selbst gestellt. Das Vortanzen wurde zwar von Trisha Brown selbst durchgeführt – aber das war auch schon die letzte Begegnung der TänzerInnen mit der Choreografin bis zu den Eröffnungstagen. „Wir sind wie eine Armee ohne General“, stellt Bauer fest. Und das macht für die TänzerInnen die Schwierigkeit aus: Binnen drei Tagen mussten sie sich, unterstützt von der Trisha Brown-Tänzerin Brandi Norton, Accumulation und Floor of the Forest nicht nur aneignen, sondern neu für sich erfinden. Um diesen notwendigen Prozess nicht zu behindern oder zu beeinflussen, hatte Norton entschienden, die alten Performances der Stücke nicht zu Rate zu ziehen. Die „new dogs“ lernten also keine „old tricks“, sondern versuchten, ausschließlich „new tricks“ anzuwenden.

- Foto: Isabel Winarsch
Eine weitere Schwierigkeit entstand für die TänzerInnen auch durch den für sie eher unüblichen Arbeitsalltag. Denn auf der documenta 12 leisten sie Schichtarbeit: 24 TänzerInnen pro Tag teilen sich auf in zwei Schichten, die fünf Stunden am Stück auftreten. Jede/r TänzerIn tanzt dabei ein oder zweimal pro Schicht Floor of the Forest und zu jeder vollen Stunde Accumulation. Wie Eleanor Bauer weiter ausführt, ist es vor allem schwierig zu koordinieren, wann welche TänzerIn an welcher Position tanzt. Das Notizbuch darüber ist ein eigenes Kunstwerk, „vielleicht wird man es auf der documenta 13 besichtigen können“, witzelt Bauer.
In der nun folgenden Diskussion mit dem Publikum geht es vor allem um den Begriff des Körpers und die extreme Objektivierung der TänzerInnen. Die Argentinierin Valeria Primost erzählt, wie sie von den BesucherInnen fotografiert, gefilmt, geschoben, berührt und teilweise gar beschimpft werden – fast so, als seien sie unbelebte Kunstwerke. Doch die Körperlichkeit weitet sich auch auf die BesucherInnen aus. Denn um die Installation Floor of the Forest zu erreichen, müssen die BesucherInnen an den TänzerInnen vorbei. Die BesucherInnen realisieren, dass sie selbst auch einen Körper haben und dieser auf einmal auch eine aktive Rolle einnimmt, da er sich an den Körpern der TänzerInnen vorbei bewegen muss. Das ist ein Prozess, der auch für die BesucherInnen ein physischer Akt ist und nicht nur Interaktion bedeutet, sondern teilweise auch Unwohlsein mit sich bringen kann, wie Primost weiter erläutert.
Eine weitere Frage der Körperlichkeit bringt Nannette Werthmann auf: Warum bleiben die Zuschauer oftmals im Weg stehen, obschon sie bereits mehrmals von TänzerInnen berührt wurden und eigentlich nur einen kleinen Schritt zur Seite machen müssten? Als Versuch einer Antwort vergleicht Johanna Chemnitz diese Form der Interaktion von Körpern mit der Erfahrung in der Metro oder dem Bus, wo Menschen sich auf oftmals intimste Weise berühren und dicht gedrängt beieinander stehen. Trotzdem ignorieren sie diesen Umstand, da dies einfacher ist und die Situation entspannt. Somit macht man nicht nur sein Gegenüber, sondern auch sich selbst zum Objekt. Was bleibt, sind zwei unbelebte Gegenstände, die sich berühren.

- Foto: Isabel Winarsch
Bleibt noch die Frage nach der Interpretation der Choreografien aus Sicht der TänzerInnen. Es gehe nicht darum, den Zuschauern eine vorgefertigte Auslegung der Stücke zu präsentieren, erklärt Irina Castillo. Sie freue sich zwar, wenn BesucherInnen einen tieferen Sinn erkennen – aber zunächst einmal sind Accumulation und Floor of the Forest relativ einfache und gerade daher recht offene Tanzchoreografien. Und Eleanor Bauer vergleicht abschließend den Schlüssel zur Bedeutung des Stückes mit der Form der Lunch Lecture: Denn hier wie dort geht es notwendigerweise um ein Miteinander zwischen TänzerInnen und BesucherInnen.